Neue Verkehrsschilder in Frankreich erlauben Radfahrern das Rechtsabbiegen bei Rot
Vergangenen Freitag wurde im Amtsblatt des französischen Innenministeriums ein Erlass veröffentlicht, der die Einführung neuer Verkehrsschilder für Radfahrer betrifft. In Zukunft können Radfahrer an innerörtlichen Kreuzungen bei rotem Ampellicht nach rechts abbiegen oder die Kreuzung queren, wenn die abgebildeten Ampeln oder Verkehrsschilder dies erlauben. Dabei müssen sie den Fahrzeugen mit grünem Ampellicht und Fußgängern Vorrang einräumen und, wenn nötig, stoppen. Die neue Beschilderung soll schrittweise auf ausgewählten Kreuzungen auf bestimmten Strecken eingesetzt werden. Das Überfahren einer roten Ampel oder ein Verstoß gegen die Vorfahrt anderer Verkehrsteilnehmer kostet in Frankreich 135 Euro.
Mise en place d’une nouvelle signalisation à destination des cyclistes
Montag, 30.01.2012 um 13:36
Ein Schritt in die richtige Richtung; genauso wie die Maßnahme, immer mehr Einbahnstraßen für den Radverkehr in Gegenrichtung frei zu geben. Ampeln sind letztendlich ausschließlich für Dosen da und auch nur wegen diesen überhaupt notwendig. In einer Welt ohne Blechdosen gibt es auch keine Ampeln und so gut wie keine Verkehrsregeln.
Montag, 30.01.2012 um 13:56
Ampeln sind für schnelle Verkehrsteilnehmer wichtig, kann auch für Radfahrer sinnvoll sein. Nur wenn man so flott aber noch beherrschbar fährt wie auf den “Alle gleichzeitig grün”-Kreuzungen in Holland funktioniert das. Wenn man so behämmert fährt wie mancher in Berlin, braucht’s auch für die noch Ampeln, wenn es schon längst keine Dosen mehr gibt (oder Wurfankermitführungspflicht, falls Sozialdarwinismus als Prinzip im Grundgesetz verankert werden sollte).
Montag, 30.01.2012 um 15:00
Ja geil! Genau so etwas wird ja schon länger auf eher verschämte Art vorgeschlagen, aber bislang nicht im Ansatz ernstgenommen.
Ein großer Teil der Rotlichtverstöße von Radfahrern betrifft ja das Abbiegen an Ampeln nach rechts. Genau das ist aber sehr häufig überhaupt kein Problem, ausser eben in den Köpfen.
Nur … wenn ich so bedenke wie wenig es die Leute schon beim jetzigen Grünen Pfeil begreifen, mit dem richtigen Verhalten, meine Mutter eingeschlossen, müsste man sich dennoch Sorgen machen, da eine Vielzahl von Radfahrern solch eine Freiheit ebenfalls nicht angemessen verantwortungsvoll auf die Reihe bekämen.
Letztlich aber alles eine Frage der richtigen Verkehrserziehung!
Verkehrserzie..?? Was´n das? Fremdwort in Schland.
Montag, 30.01.2012 um 15:11
Insbesondere, wenn man nach rechts in einen wenig genutzten Radweg abbiegen kann, macht das Sinn. Und auch in manche Fahrbahnen kann man ohne Probleme abbiegen.
Es gibt weitere Situationen, in denen Radfahrer mehr oder weniger sinnlos an Ampeln warten. Die berühmten T-Kreuzungen mit Radweg sind ein Beispiel. Man möchte geradeaus weiterfahren, wartet aber wie die Fahrzeuge auf der Fahrbahn, obwohl man eigentlich freie Fahrt hat, selbst wenn jemand in die Fahrbahn abbiegt.
Bedarf sehe ich auch beim “Anlieger-frei”-Schild. Das müsste automatisch auch eine Fahrradfreigabe mit sich bringen.
Würde man die bestehenden Möglichkeiten in Deutschland auch mal aus dem Auge des Radfahrers nutzen, könnte man aber schon viel erreichen.
Montag, 30.01.2012 um 15:37
Ich seh’ schon die Bild-Schlagzeile: “Radfahrer dürfen in Frankreich jetzt ungestraft bei Rot fahren!” Und wie sich deren Verkehrsblockwart dann darüber aufregt und wo man denn hinkäme usw. blabla.
Letztendlich wird das wie schon oben beschrieben an vielen Stellen real oft schon so gelebt. Und wenn man sich vorher vergewissert, niemanden die Vorfahrt zu nehmen, finde ich dieses bei Rot fahren auch gar nicht schlimm. Mach ich ja selber auch.
Z.B. an reinen Fußgängerüberwegen; am Ernst-Reuter-Platz, wenn man von der Busspur Hardenbergstrasse rechts auf den Radweg einbiegt; Columbiadamm Ecke Friesenstraße (T-Kreuzung) Richtung Neukölln sind solche Stellen.
Montag, 30.01.2012 um 17:50
Auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Verkehrsregeln und Ampeln werden ja dann akzeptiert, wenn sie sinnvoll und nicht schikanös erscheinen. Ich würde mir vor allem wünschen, dass Bedarfsampeln mit Druckknopf nachvollziehbar schnell reagieren, d. h. rasch umspringen. Bei mir in Frankfurt am Main ist das praktisch nie so. Zwei Minuten Wartezeit sind ganz normal, rund um die Uhr auf Auto-Rush-Hour geschaltet. Oft ist die Bedarfsampel auch nur ein Fake, gibt also erst grün, wenn ein synchron damit laufender Autoverkehr ebenfalls grün bekommt. Man kann sich das Drücken sparen. Dann noch zahllose Überwege, bei denen man zwei Ampelphasen abwarten muss, obwohl 10 Sekunden länger Grün voll ausreichen würden, um als Radler in einem Zug rüber zu kommen. Das geht auch besser und kostet nix. Dass es besser geht, habe ich schon andernorts gesehen. Schnell umspringende Bedarfsampeln werden so gut wie nie bei Rot überfahren. Und behindern den Autoverkehr auch nicht wirklich. Man braucht dazu nicht mal neue Regeln und Schilder. Aber das Beispiel Frankreich lässt hoffen, dass man die Bedürfnisse von Radlern künftig bei der Verkehrssteuerung mehr berücksichtigt.
Montag, 30.01.2012 um 17:53
@kl: In Frankreich fährt doch jetzt schon “situationsorientiert”. Was ist denn da neu? Ampeln sind da so wichtig wie bunte Lampen in der Disko.
Montag, 30.01.2012 um 17:57
@kl: Der ADFC hatte mal ein ganz gutes Argument gegen Bedarfsampeln ansich eingebracht: Während bei normalen Ampeln die Chance besteht, dass man auf eine grüne Ampel trifft und durchfahren kann, besteht diese Chance bei Bedarfsampeln nicht. Sie zwingen generell zum Anhalten.
Wie dem auch sei, vielleicht gibt es auch sinnvolle Einsatzgebiete. Wichtig wäre dann, den Knopf erreichbar zu gestalten - wenn man es sehr streng nimmt, dann so, dass man die weiße Haltelinie nicht überfahren muss. In einem Land, das wahllos zwischen Laissez-faire und extremer Korinthenkackerei hin- und herschaltet, können solche Details wichtig sein
Montag, 30.01.2012 um 18:45
Wunderbare Idee, aber bis das in den Köpfen der Leute ankommt und auch vernünftig genutzt wird…nunja wir wissen sicherlich alle wie gut der grüne Pfeil respektive dessen korrekte Nutzung hier in Berlin funktionieren.
Montag, 30.01.2012 um 18:46
@berlinradler: Bedarfsampeln halte ich für nützlich, wenn der Fußgänger- oder Radverkehr deutlich geringer als der Autoverkehr ist. In Frankfurter Außenbereichen Normalfall. Wenig Radfahrer und Fußgänger aber massenhaft Kfz. Radfahreranteil vielleicht 1 Prozent.
Ein schnelles Umschalten bei Bedarf, Autofahrer erhalten sofort Gelb, wäre für beide Seiten nützlich. Autofahrer halten nicht sinnlos, Radfahrer können fast sofort.
Aber der ADFC weiß es sicher besser.
Montag, 30.01.2012 um 18:50
“Aber der ADFC weiß es sicher besser.”
Tja, die Partei hat immer Recht
Montag, 30.01.2012 um 19:40
@berlinradler: nun ja, ich betrachte die “Partei” mit Wohlwollen, wenn auch nicht unkritisch.
Dienstag, 31.01.2012 um 03:31
Mal ganz abgesehen davon, dass in der Praxis die ganze Verkehrsregulierung in vielen Regionen Frankreichs sehr pragmatisch gelebt wird, sieht man auch in der Theorie den Verkehrsteilnehmer an sich als “mündiger” an. Ich denke da nur an diverse fünf- oder sechsarmige Kreuzungen, wo mal mehreren Ästen Fahrt signalisiert wird. Da stehen dann halt auch Ampeln. Die zeigen aber nicht “rot - gelb - grün”, sondern “rot - gelb - blinkegelb”. Das gelbe Blinklicht signalisiert dann quasi Fahrt unter Vorbehalt und mit besonderer Wachsamkeit. Derartige Ampelschaltungen sind in Frankreich ziemlich üblich. Von daher wundert es mich gar nicht, dass gerade Frankreich in Sachen Radverkehr mal eine Vorreiterrolle einnimmt. Dort sieht man generell Regulierung eher als eine teilweise nun mal erforderliche Notwendigkeit an und nicht als einen Selbstzweck wie in Deutschland.
Dienstag, 31.01.2012 um 03:58
Probleme mit Radfahrern, die bei Rotlicht fahren, beobachte ich vor allem dann bzw. hab sie auch schon selber erlebt, wenn plötzlich Verkehr aus einer unerwarteten Richtung Grün bekommt - also vor allem bei komplizierteren Kreuzungen, bei denen man die Ampelschaltungen genau kennen muss, um einschätzen zu können, wann man niemandem in die Quere kommt.
Wenn z.B. der entgegenkommende Linksabbieger getrennt signalisiert wird, kann das für manche schon zu kompliziert sein, um trotz Rotlichtmissachtung heil über die Kreuzung zu kommen.
Ich denke, dass sich vor allem Fußgänger und hier insbesondere Kinder, ältere und mobilitätseingeschränkte Menschen von Rotlichtfahrern verunsichert fühlen. Radfahrer stellen da sicher noch ein besonderes Problem dar, weil sie aus verschiedenen Gründen, von den genannten Personengruppen als besonders unberechenbar eingeschätzt werden könnten.
Dienstag, 31.01.2012 um 15:59
Ich finde es nicht schlecht, wenn Radfahrer fahren dürfen, sofern kein Querverkehr es auch darf, denn dabei können unnötig viele gefahrensituationen entstehen beim Abbiegen der Autos. ich fahre oft ein PKW bei dem man nicht so gut nach rechts schauen kann (Transporter) ich muss mich darauf verlassen, dass wenn die Radfahrer und Fußgänger rot haben, auch keiner kommt.
Dienstag, 31.01.2012 um 16:19
@Rudolph, aber meistens dürfen ja die Radfahrer und Fußgänger genau dann losfahren / gehen, wenn Du das als Rechtsabbieger auch darfst. Das Problem könnte man tatsächlich nur durch eigene Signalisierungen lösen.
Dienstag, 31.01.2012 um 16:48
Rudolf, dein abbiegen findet doch parallel zu dem Verkehr statt, also haben Radfahrer und Fußgänger auch grün. Nebenbei gilt stets, dass wer nichts sieht nicht fahren darf. Klingt unpraktikabel, wäre aber eine Möglichkeit für sicheren Straßenverkehr
Freitag, 03.02.2012 um 23:04
Würde sich durch die neue Regelung viel ändern? Im Großen und Ganzen ist das nur die Legalisierung eines häufig praktizierten bisherigen Regelverstoßes.
Ich befürchte allerdings, dass das noch mehr dazu führt, dass Radfahrer denken, dass rote Ampeln für sie irrelevant sind. Beim grünen Pfeil sieht man, wie schon oben von einem Kommentator erwähnt, dass wichtige Grundregeln nicht befolgt werden (Anhalten, Beobachten, erst Weiterfahren, wenn niemand behindert wird). Dass Radfahrer sich umsichtiger verhalten würden als PKW-Fahrer beim grünen Pfeil glaube ich leider nicht.
Solang die einzige Schulung von Verkehrsteilnehmern durch die unsägliche Verkehrserziehung in der Grundschule und ein paar Jahre später einmalig beim Erwerb des (lebenslang gültigen) PKW-Führerscheins erfolgt, werden sich die Verkehrsteilnehmer weiter auf ihr jahrzehntealtes Halbwissen berufen und somit neue Regeln nicht oder falsch annehmen.
Mehr Schulung für alle Verkehrsteilnehmer bevor neue Regeln eingeführt werden wäre m.E. sinnvoller.